Der Regen fällt, die Zeit fließt.
Die Hunde bellen, die Zeit rennt.
Die Fliegen stechen, die Zeit, ähm... Oh, schau an, mal wieder Zeit für einen neuen Blogeintrag.
Spulen wir noch einmal kurz zurück zu unserer Ankunft an unserem zukünftigen Arbeitsplatz. Wir kommen in der Westwood Lodge an, einem kleinen Hotel etwa zwei Kilometer von der Stadt Franz Josef, welche sich am Fuße des gleichnamigen Gletschers befindet.
Wir lernen unsere neue Chefin, Kaz, kennen, die das Hotel zusammen mit ihrer Schwester Brenda und zwei weiteren Saisonarbeiterinnen (außer uns) vor dem Untergang bewahrt. Die beiden sind Tante und Nichte und kommen aus Argentinien. Sie sind auch unserer Mitbewohnerinnen in einem Haus aus Holz, das sich direkt neben den Hotelzimmern, ebenfalls aus Holz, befindet.

Ich habe also nun die Freude, mit drei Frauen zusammen zu leben und mit ihnen zu arbeiten. Die einzigen Jungs im Team sind zwei Labradoodle (halb Labrador, halb Pudel), die kleinen Schafen nicht unähnlich sehen und jeden mit Begeisterung empfangen, solange man ihnen heimlich Käse gibt. Sie helfen beim Putzen und bekommen dafür kleine Snacks. Ein bisschen wie wir auch, wenn man so darüber nachdenkt. Nachdem wir alles unterschrieben haben, finden wir auf dem Parkplatz eine riesige Limousine, aus einem Hummer zusammengeschnitten. Mit der Limousine werden Gäste von den Hotels zu einem Restaurant in die Stadt gebracht.
Da jetzt gerade die Sommersaison anfängt (jep, hier läuft so einiges andersrum), suchen alle möglichen Établissements im touristischen Dorf nach Verstärkung. Kaz erwähnt eine Freundin, die ein Restaurant hat uns eventuell am Abend dort gebrauchen könnte, da wir im Lodge nur am Morgen arbeiten werden.
Wir müssen Frühstück machen und den Kunden bringen und die Zimmer (insgesamt neun) auf Vordermann bringen. Anna lernt, Bacon zu braten und liebt den Geruch und das Gefühl an den Fingern direkt am Morgen. Das Kiwi Breakfast besteht hauptsächlich aus Bacon, mit noch ein paar unwichten Beilagen. Bacon muss Abe dabei sein!
Ich muss etwas machen, was hier "Gastfreundlichkeit" genannt wird. Also die Leute zum Frühstück empfangen, Bestellungen aufnehmen und nette Schwätzchen über faszinierende Themen wie das Wetter oder was denn heute so auf dem Reiseplan steht, halten. Auch ich liebe das, direkt am Morgen.
Nadia, eine unserer Mitbewohnerinnen, wechselt sich mit Anna in der Küche ab und Amiel, Nadias Nichte, hilft beim Putzen. Unwillentlich lernen wir langsam Schimpfwörter in Spanisch.
Das Clientel ist sehr international und fast ausschließlich nicht Kiwi. Jeden Morgen darf ich also in verschiedenen kommunizieren, bevor mein Sprachzentrum überhaupt dazu in der Lage ist, prähistorisches Grunzen zu übermitteln. Das macht die Sache um einiges interessanter für alle Beteiligten.
Wir machen einen Spaziergang um die Stadt zu entdecken. Also viel mehr das Dorf. Um dort hinzukommen, nehmen wir eine Abkürzung durch den Regenwald. Okay, eine Abkürzung ist das doch nicht, aber der Weg ist weitaus angenehmer als auf der Landstraße zu laufen, wo man schnell mal von raublustigen Opossums überfallen werden kann.
Im Innendorf finden sich fast nur Hotels, Motels, Herbergen, ein paar Souvenirladen und Restaurants und Agenturen, bei denen man Helikopterausflüge auf den Gletscher buchen kann.
Hier gibt es auch das Wildlife Centre, eine Art Zoo für seltene Vogelarten, wie zum Beispiel ein paar Kiwi-Rassen. Im Vorbeigehen hören wir vom Dach einen Kea kreischen. Ein erneuter Schlaf des Ministeriums für Cliché-Erhaltung (siehe erster Blogeintrag).
Man muss übrigens nicht aus dem Fenster schauen, um die örtlichen Wetterverhältnisse zu kennen. Wenn man das schreddern der Hubschrauber hören kann, dann ist das Wetter hübsch genug, Touristen auf Spazierflug mitzunehmen. Nicht mal die Hälfte der in den Agenturen durchgeführten Buchungen endet allerdings in solch einem Flug, da das Wetter oft eben nicht hübsch genug ist.
Von unserer Seite haben wir nicht vor, solch einen Ausflug mitzumachen, aus ethisch-moralischen Gründen der Natur gegenüber. Und zweitens, weil das die Haut vom Hintern kostet, wie man auf Französisch so schön sagt (und die ich, persönlich, bereits verkaufen musste, um weiterhin ungeniert rauchen zu können).
Wir brechen also auf einen Gewaltmarsch zum Fuße des Gletschers auf. Der Hinweg dauert etwa 45 Minuten, an deren Anfang uns ein Schild darauf hinweist, dass der Gletscher vor 100 Jahren bis hierhin ging. Solche rückblickenden Schilder finden sich überall auf dem Weg. Das Letzte, welches besagt, dass bis hierhin der Gletscher vor kaum zehn Jahren noch war, ist immer noch zehn Fußminuten von der Absperrung entfernt, von der wir ihn dann endlich aus der Nähe sehen können. "Aus der Nähe" bedeutet hier, dass man trotzdem noch 700 Meter vom eigentlichen Gletscher entfernt ist, da sich der Frühling gerade dem Ende neigt. Wir sehen Helis auf dem Gletscher landen, dort für zehn Minuten und ein paar Fotos verharren, bevor es wieder zurück zur Basisstation geht. Was wohl die durchschnittliche Rate Dollar je Foto sein mag? Akku leer? Ups.
Als wir zurück am Auto ankommen, gehen nicht alle Türen auf einmal auf. Ah, das ist ja witzig, die Innenbeleuchtung geht auch nicht. Oh, noch lustiger ist, dass der Motor auch nicht anspringt. Wir lernen also, dass die Batterie leer wird, wenn man für ein paar Stunden die Scheinwerfer anlässt und das Auto dann nicht mehr so Recht vom Fleck weichen will. Wir holen die Starterkabel, freundlicherweise von den vorherigen Eigentümerinnen da gelassen, raus und winken damit einen vorbeifahrenden Bus höflich zu. Der Fahrer hält an, hilft uns, die Karre wieder anzuschmeissen, weist uns darauf hin, dass wir wenigstens eine halbe Stunde das Ding laufen lassen sollen und wünscht uns einen schönen Tag. All das unter den verwunderten Blicken der Passagiere die noch im Bus saßen.
Wir entscheiden uns also dazu, eine Zwangsspritztour zu machen, um Maryvonne wieder ein bisschen Kraft zu geben. Auf der Strecke nach Okarito, einem geschäftigen Dorf mit satten 35 Einwohnern am Meer, sehen wir Schilder, die uns vor wagemutigen, straßenüberquerenden Kiwis warnen. Wir haben leider nicht das Glück, welche zu sehen oder zu überfahren. Okarito ist schön anzusehen, allerdings können wir nicht anhalten und zu Fuß die Gegend erkunden, ohne dabei eventuell liegen zu bleiben. Außerdem regnet es. Wir fahren also nach Hause, parken Maryvonne und denken nicht mehr groß darüber nach.
Wir stellen uns also im Restaurant von Kaz' Freundin vor, um einen zweiten Job zu bekommen (wir finden, dass wir nicht genug Arbeit haben). Das Restaurant nennt sich "Alice May" und überall sind Schilder mit folgender Inschrift "I am Alice May and this is my story". Ja, was ist denn nun deine Geschichte, verdammtnocheins!
Nach einem dreistündigen Test-"Tag" bekommen wir ein Gratisessen und wir unterschreiben unseren Vertrag. Anna ist nun Kellnerin und ich werde im Beruf des Runners aufblühen. Als Runner muss man die Teller aus der Küche zu den Gästen befördern, ohne sich dabei zu verbrennen oder über die Leute zu verschütten, auch wenn es so mancher verdienen würde
Etwa 60 % der Angestellten im Restaurant kommen aus Südamerika und unsere hispanofonen Beleidigungen werden fließender.
Ich habe also inzwischen zwei Jobs und drei Arbeitgeber auf zwei verschiedenen Kontinenten (Ich sammel die. Bei fünf gebe ich einen aus!). Das könnte eine buchhalterische Hölle werden, wenn das hier nicht alles stark vereinfacht wäre in Neuseeland. Man sagt seinen Arbeitgebern einfach, welcher Job denn der Hauptjob ist und welcher der Zweite und alles andere geht von alleine. Man muss nur am Ende des Steuerjahres kurz online eine Erklärung abschicken und bekommt wieder, was man zuviel bezahlt hat.
In der Monsoon Bar spielt Amy mit uns Pool und lässt uns Bier, Geschmacksrichtung "Kater am Morgen", zu exorbitanten Preisen verkosten. Um nicht bei jeder Runde seinen Pass zücken zu müssen, werden wir auf der Hand abgestempelt, als Beweis, dass wir alt genug sind. Bei solchen Preisen und solchem Geschmack lassen wir die zweite Runde allerdings lieber sein.
Eines schönen Tages nach der morgendlichen Arbeit, leihen wir uns Kaz' und Brenda's Gummistiefel aus und begeben uns in eine alte Mine nicht unweit des Dorfes. Die Tatare Tunnel (Ta-ta-reh, leider keine kulinarische Spezialität) wurden vor über einem Jahrhundert gegraben und der Weg dorthin ist nicht nur steinig, sondern auch noch bergig. Im Tunnel fließt eisige Wasser, dessen niedrige Temperatur wir selbst durch die Gummistiefel spüren. Wir schauen zufällig an die Decke und entdecken Lichter von Glow Worms, nach einigen hundert Metern tunnelinwärts. Wir drehen also um, ist nämlich ganz schön düster hier. Brenda erklärt uns am nächsten Tag, dass es einen Ausgang auf der anderen Seite und noch mehr zu sehen gibt. Wir müssen also nochmal hin.

An der West Coast werden wir von den sogenannten Sand Flies gepiesackt. Dabei handelt es sich um kleine Fliegen in Hundertschaften, die es anscheinend nicht auf der anderen Inselseite gibt. Lasst euch nicht vom Namen einlullen, diese Fliegen stechen und das nicht gerade wenig! Nach einem barfüssigen Nachmittag zähle ich neun an meinem linken Fuß und elf an meinem Rechten. Ich rede dabei nicht von Zehen (ich habe jeweils sieben, wie ihr auch) sondern an Stichen dieser Ausgeburten der Hölle.
Eines Morgens gegen sechs Uhr werden wir von ein bisschen Nieselregen geweckt. Die Wände vibrieren unter den Schlägen der Regentropfen. Macht nichts. Es regnet weiter und gegen elf Uhr sehen wir einen Mann mit langem Bart auf dem Parkplatz werkeln. Gegen frühen Nachmittag hat er sein Holzboot auch schon fast fertig und am Straßenrand finden sich Tiere in Paaren ein. In genau dem Moment kommt ein bretonischer Fischer in gelber Regenjacke vorbei. Er gibt uns ein Handzeichen und schreit "Was ein wundervoller Frühjahrsabend!". Zumindest glauben wir, dass er uns das sagen wollte, mit den Eimern, die sich auf unser Blechdach ergiessen, hört man nicht so viel. Gegen 23 Uhr ist die Sintflut dann doch vorbei und laut Internet hatten wir heute knapp 10 cm Niederschlag - oder eine Badewanne pro Quadratmeter, wenn meine Berechnungen exakt sind.
Maryvonnes Batterie hält anscheinend nicht mehr ihre Ladung und klickt nur, anstatt zu starten. Uns fällt dies aber erst auf dem Rückweg vom Einkaufen auf und wir stecken auf dem Parkplatz des Supermarkts fest. Ein netter Polizist hilft uns aus der Patsche und sagt uns, dass wir eine neue brauchen. Wir fahren in eine Werkstatt in Fox Glacier, etwa eine halbe Stunde entfernt, wo sie uns für 200 $ in einer Rekordzeit von 15 Minuten ausgetauscht wird.
Weiterhin müssen wir die Registrierung (die "Rego") des Wagens verlängern. Das geht schnell online und uns wird eine neue Plakette per Post zugestellt, die wir an die Windschutzscheibe kleben müssen. Wenn man das nicht macht, darf man die Straßen nicht benutzen. Also eine Art Universal-Maut.
Eines schönen Tages an dem ich Arbeit, freut sich Anna, endlich Ruhe zu haben und geht am Meer spazieren und dort den Sonnenuntergang bewundern, ohne dabei schlechte Witze hören zu müssen. Um sich dafür bei mir zu bedanken, gehen wir in die Hot Pools im Innendorf, wo sich heiße Bäder mit Temperaturen zwischen 36º und 40º C finden. In der ersten Badewanne fühlt man sich gerade so noch wohl, in den beiden mit 38º und 40º C haben wir den Eindruck, die Hauptzutat einer Touristensuppe zu sein.
In Neuseeland muss man seine Miete jede Woche zahlen. Schwierig, meint ihr? Nope, denn auch die Gehälter werden jede Woche überwiesen. Was Nebenkosten und Internet usw. angeht kennen wir den Ablauf nicht, da wir das alles nicht zahlen (muhaha). Wir zahlen auch keine Miete, falls euch das entgangen ist (muhahaha).
Da wir nun neuseeländische Dollar verdienen, hoffen wir auf einen sprunghaften Anstieg des Umrechnungskurses zum Ende unseres Aufenthaltes, damit wir noch reicher werden.
So, jetzt reicht's aber erst Mal. Frohe Weihnachten und ein frohes neues Jahr und bis bald. Und zieht euch warm an, ein Tui hat mir geflüstert, dass bei euch anscheinend Winter ist.



































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