2024 Teil 3: Frühjahrsputz

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Was macht ihr denn hier? Welch freudige Überraschung. Hier, ein Schwamm, und auf an die Arbeit. Während ihr die Küche schrubbt, erzähle ich euch die Geschichte von unserer Reise nach Yunnan. Setzt euch und macht es euch gemütlich. Ah, nee, ich setze mich und mache es mir gemütlich. Ihr müsst arbeiten.

Yunnan ist eine Region im Süden Chinas, dessen Hauptstadt Kunming sich kaum mehr als eine Flugstunde von Chiang Mai entfernt befindet. Praktisch.
In der Ankunftshalle des Flughafens heißt uns ein riesiges Dinosaurierskelett willkommen.  

Die Region ist hoch gelegen und Kunming bildet mit 2000 Höhenmetern den niedrigsten Punkt unserer kleinen Reise. Ich sag euch das jetzt weil das später wichtig wird. Macht ihr fleißig Notizen? 
Hey, wer hat euch erlaubt mit dem schrubben aufzuhören? Wenn der Grüne Schwamm nicht hart genug ist, dann haben wir noch einen aus Edelstahl, für Schmutz industriellen Ausmaßes.

Wir kommen am Bahnhof an und müssen unser Ticket nirgends zeigen. Wir haben eh keins, nur eine Bestätigung der Reiseagentur. Die Fahrkarten und Sitze sind an unsere Reisepässe gekoppelt. 
Nach dem Durchleuchten unseres Gepäcks und dem Scannen unserer Pässe dürfen wir in den Bahnhof. Und dann wird nocheinmal der Pass gescannt, bevor es runter auf den Bahnsteig geht, 20 Minuten vor Abfahrt. Das läuft hier wie am Flughafen.

Wir erreichen Lijiang, kleine Großstadt der nachgesagt wird, die schönste antike Stadt Chinas zu haben. Und das möchten wir gerne glauben. Jedenfalls gibt es hier enorm viele Touristen. Und alles Chinesen. 
Als wir aus dem Hotel heraustreten, drückt uns eine Dame auf einem Roller ein paar Pflaumen in die Hand, bevor sie weiter ihres Weges fährt. Danke?

Marcel lässt sich die Ohren säubern. Das passiert mit Hilfe einer Kamera und eines Bildschirms, der schön der ganzen Straße zeigt, was da drinnen denn so passiert.

Wir gehen etwas bergauf für die Aussicht und kommen schnell aus der Puste. Lijiang befindet sich auf 2200 Metern. Die Luft hat hier in der Höhe eine geringere Sauerstoffkonzentration, wofür es eine gewisse Zeit an Gewöhnung braucht. Wenn man zu abrupt hinaufsteigt kann das zu krankheitsartigen Symptomen führen. 

Man kann sich hier überall mit traditionellen Trachten bekleiden lassen, inklusive Schminke. Es gibt insgesamt 55 ethnische Minderheiten in China, neben den Han-Chinesen, an die man in der Regel denkt, wenn man von Chinesen spricht. 
In Yunnan, eine Region die ein bisschen größer als Deutschland ist, finden sich etwa 30 dieser Minderheiten, dazu zählen zum Beispiel Tibetaner, aber auch Tais, die mehr oder weniger das gleiche Volk wie die Thais in Thailand oder Laos sind. Wir überlegen, uns auch zu verkleiden, aber wir werden so schon genug angeguckt. 

Unser Reiseführer gibt uns ein paar mehr Details und Anekdoten zu einzelnen dieser Ethnien. Die Tibetaner und Naxi, zum Beispiel, lebten in der Vergangenheit ihrer Tradition folgend polygam. Wenn man von Polygamie redet, dann denkt man meistens an Männer mit mehreren Frauen, aber hier waren es die Frauen, die bis zu vier Männer gleichzeitig heiraten konnten. 
Die auf diese Weise geborenen Kinder nannten nur den Boss Papa, die anderen waren Onkel. Die Frauen nahmen eine Woche nach der Geburt die Arbeit auf dem Feld wieder auf. Wenn man polygame Frau sein will, dann muss man hart dafür arbeiten, um die Familie zu ernähren, während die Männer Schach spielen gehen, essen, Tee trinken oder Kalligraphie praktizieren. 

Wenn man hier jemanden ein Kompliment machen will, dann muss man die andere Person 'fett' nennen. Das wäre eine fette Beschimpfung (dieses Wortspiel ist kostenlos, nur für euch) im Rest des Landes. Aber hier, fett und stark zu sein ist von großem Wert, so viel wie bis zu acht Jaks, laut unserem Führer.

Im Volk der Musou, wenn eine Frau 18 Jahre alt ist, hilft ihre Mutter dabei, ein Haus zu bauen, damit sie alleine leben kann. Wenn sie einen Jungen gerne hat, dann kann dieser über die Mauer klettern, um dort die Nacht zu verbringen, muss aber einen Strohhut mitbringen und ihn am Fenster befestigen, um den anderen mitzuteilen, dass da heute Abend schon jemand ist. 
So geborene Kinder nahmen den Namen der Mutter an und werden von ihren Onkeln erzogen. Diese Kinder hatten keinen Vater im 'herrkömmlichen' Sinn. 

Wir stoßen auf einen Laden, wo man Briefe per 'langsamer Post' verschicken kann. Was ist daran jetzt so viel anders als bei uns? fragt ihr euch? In diesem Laden kann man wählen, in wie vielen Jahren die Postkarte abgeschickt wird. Richtig, Jahre. Und man kann bis zu 50 Jahre in der Zukunft wählen. Da darf man dann hoffentlich nichts wichtiges vergessen. 

Wir machen eine Spritztour zu Pferd durch den Wald und lernen einen Typen vom anderen Ende des Landes kennen, der mit seiner Mutter rumreist. Wir tauschen Kontakte aus und finden uns am Abend zum Hot Pot essen wieder. Oder auch als Feuertopf oder chinesisches Fondue bekannt, anscheinend. 
Das ist die Lieblingsart der Chinesen, in guter Gesellschaft zu essen. Und wir verstehen auch warum. Es ist einfach, gesellig und jeder kann in die Suppe reinwerfen, was er will. Aber nach dem fünften Hot Pot in kaum einer Woche werden wir dem trotzdem langsam überdrüssig.
Jedenfalls kommen wir am Restaurant an, setzen uns hin und das Essen kommt direkt. Unser neuer Freund hat mit einer App bereits alles bestellt (und bezahlt!) während unseres Spaziergangs zum Restaurant. Äußerst effizient.
Der Tisch wurde langsam etwas zu klein für die schiere Masse an Tellern, weshalb das Restaurant einige dieser Teller in ein dafür herangestelltes Regal geoutsourct hat.

Wir gehen zurück in die antike Stadt von Lijiang. Bei Nacht ist es dort sogar noch schöner. Und sogar noch touristischer. Nur Chinesen, immer noch. Während unseres gesamten Aufenthalts haben wir nicht mehr als 20 andere Ausländer gesehen. Ihr könnt euch dementsprechend die erstaunten Blicke der Leute vorstellen, wenn sie uns sahen. 

Am nächsten Tag geht es nach Shangri-La. Nein, nicht die Hotels, sondern die Stadt. In Shangri-La gibt es übrigens kein Shangri-La und meiner bescheidenen Meinung nach hat die Hotelkette da ganz schön was versemmelt. 
Aber falls ihr es nicht kennt, die Stadt ist tibetanisch, auch wenn sie sich nicht in der Region Tibet befindet. Aber sie ist nicht weit davon entfernt. Die Stadt Shangri-La hat nicht mal 200'000 Einwohner, kaum ein Dorf nach chinesischen Maßstäben. 

Wir haben für die zwei Tage eine Reisetour gebucht, um uns die Fortbewegung einfacher zu gestalten. Die Sache ist allerdings, dass wir eine chinesische Tour gebucht haben. Es gibt hier nicht wirklich Reiseagenturen, die es auf ausländische Touristen abzielen, da es die hier ganz einfach so gut wie nicht gibt. 
Nun, das ist auf jeden Fall eine Erfahrung. Alle Erklärungen waren dementsprechend auf chinesisch, von einer Dame, vorne im Bus stehend, die sprechen kann, ohne Luft holen zu müssen.

Schnell haben es sich die anderen Reisegruppenmitglieder auf sich genommen, uns zu verhätscheln und auch wenn Marcels chinesisch nur sehr gebrochen ist, haben wir viele neue Freunde gefunden. Nebst geschenktem Essen und Kompliment zu unseren großen Nasen sorgen wir auch für Erstaunen über unsere Essstäbchenkünste. 
Und können sie dort nicht wenigstens ein bisschen Englisch? Nein. Wirklich nicht. Nein, ganz wirklich nicht.

Mit dem Bus geht es übers Land. Und wir halten auch auf dem Land. Wenn ihr noch nie etwas von chinesischen Toiletten auf dem Land gehört habt, dann haben wir ein paar Beobachtungen hier für euch zusammengestellt. Und wenn ihr lieber weiterhin in Unwissenheit zu diesem Thema leben wollt, dann überspringt diesen Paragraphen einfach.
Als erstes muss man in die Hocke, der Standardposition der Chinesen beim Toilettengang. Dann haben gewisse öffentliche Toilettenkabinen keine Türen, oder Türen, die nur einen Meter hoch sind und gerade so das Nötigste verbergen. Und selbst wenn es Türen gibt, lassen die meisten Chinesen diese einfach offen, während sie ihre Notdurft verrichten. 
Meistens hat man es also mit einem Loch im Boden zu tun, über das man sich hinhockt, und danach die Spülung zieht. Aber es gibt auch eher kreative Varianten. Wie zum Beispiel die Toilettenrutsche. Hierbei hat man kein Loch, sondern ein geneigtes halbes Rohr, das das Endprodukt mit Hilfe der Spülung nacht unten abtransportiert. Genau wie im Heidepark Soltau. 
Sonst gibt es noch Toiletten mit geteiltem Abfluss. Statt eines Lochs gibt es also eine Art Rille. Man kann also zu mehreren Toilettengängern gleichzeitig darüber hocken, mit kleinen Mäuerchen, um sich von den anderen räumlich abzutrennen, wenn man Glück hat. Und mit noch etwas mehr Glück kann man sogar die Gedichte der Nachbarn vorbeifließen sehen.

Jedenfalls hält der Bus nicht nur an Toiletten, sondern auch an der Tiger Leaping Gorge, der Tigersprungschlucht. Das ist die tiefste Schlucht ganz Chinas, mit reißenden Gewässern im Tal und Bergspitzen von bis zu 5600 Metern, die uns ummauern. Sehr beeindruckend. 

In Shangri-La befindet sich die weltgrößte Gebetsmühle. Hier wird nicht wirklich irgendwas gemahlen (außer vielleicht die Knie), sondern handelt es sich dabei um einen großen Zylinder den man, für mehr Glück, drei Mal komplett drehen muss. Die Mühle ist so groß, dass es mindestens zehn Leute braucht, um sie überhaupt in Bewegung zu setzen. Wir helfen auch beim Drehen mit, aber nicht mehr als die verschriebenen drei Male. Dann setzen wir uns etwas abseits hin, außer Puste und Sauerstoff aus Gasflaschen inhalierend. Shangri-La befindet sich auf 3300 Höhenmetern und wir können den Unterschied fühlen. Was in niedrigeren Höhen unbedeutende Bewegungen sind, stellt sich hier als sehr anstrengend heraus. 

Um nicht den Höhenkoller zu bekommen, wird empfohlen, nicht mehr als 300 Meter am Tag jenseits der 3000 Meter zu erklimmen. Für alle, die es eiliger haben, gibt es halt Sauerstoffflaschen. 
Aber warum denn eigentlich Sauerstoff? Sauerstoff zu inhalieren hilft dabei, die Nebenwirkungen des Höhenaufstiegs zu verhindern oder zu verringern. Es kann zum Beispiel Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Erbrechen oder gar Schlimmeres auftreten.

In einem Nationalpark steigen wir von unserem Bus in einen Bus des Nationalparks um. Auf dem Rückweg fährt unser Bus vom Nationalpark in die falsche Richtung. Uns wird kurz panisch, aber wir sind nicht die Einzigen, die damit nicht einverstanden sind und es wird lautstark gemeckert. Der Busfahrer dreht um, drückt auf die Tube und nimmt bei voller Geschwindigkeit die Bremsschwellen mit. Uns schubst es aus unseren Sitzen in die Höhe. Den Anderen schien die kurze Achterbahnfahrt nicht ganz so sehr gefallen zu haben. 

Glücklich darüber, unsere Reisegruppe wiedergefunden zu haben, fahren wir essen. Hot Pot, in einem Restaurant mit Show. Auf dem Programm: Tibetanische Tänze und Lieder. Und Alte-Herren-Witze. 
Nach dem Essen gehen alle, hunderte von Menschen, raus auf den kleinen Vorplatz des Gebäudes um um das Lagerfeuer herum zu tanzen. Die traditionelle Musik wurde gegen flinke elektronische Musik ausgestauscht und wir tanzen die Polonaise. 
Wir sind weiterhin die einzigen Ausländer und ernten nicht wenige Blicke. Nicht bösartiger Natur, keineswegs, nur neugierig. Die Chinesen haben keine Berührungsängste und jeder spricht äußerst ungezwungen mit jedem. Auch mit uns, was sich als komplizierter erweist und oft die Hilfe des Handys zur Übersetzung erfordert. 

Im Hotel gibt es im Zimmer eine Maschine, die Sauerstoff produziert. Wenn man denn dafür zahlen möchte. Wir begnügen uns mit der roten Tee-Zucker-Mischung, die uns die Führerin gegeben hat, um besser den Sauerstoff in der Luft und in den Gasflaschen zu absorbieren. 

Am Morgen kommen wir im Frühstückssaal an, der wie ein Schlachtfeld aussieht. Der Bus einer anderen Reisegruppe ist offensichtlich gerade abgefahren. 

Wir schauen uns das größte Mandala in 3D der Welt an. Unglaublich, ein riesiges religiöses Diorama. Aber Photos sind nicht erlaubt. 
Im selben Gebäude befindet sich auch eine sieben Stockwerke hohe Statue mit unzähligen Armen und Köpfen. Unglaublich. Und, auch hier wieder keine Photos erlaubt. 

Wir treffen auf die Führerin und ein paar anderen Mitreisenden vor unserem Bus. Man gibt uns ungefragt  Essen, ich bekomme eine Zigarette in die Hand gedrückt und uns werden die Hände mit Sonnenblumenkernen bis zum Überlaufen gefüllt. Und kaum fertig, wird schon wieder nachgefüllt, wie am Büffet. Schwierig wurde es, die Kerne aus den Schalen herauszubekommen und dabei gleichzeitig auch den Versuch der Kommunikation zu meistern, während wir auf den Rest der Truppe warten. 

Die Reiseführerin gibt uns Jak-Fleisch zum Probieren. Das schmeckt in etwas so wie edles Rind, Sachverhalt, der uns nicht weiter überrascht. 

Weiter geht's zur Besichtigung eines traditionellen tibetanischen Hauses in der Pampa. Sie sind groß, haben dicke Holzpfeiler, einen Innenhof, Platz für mehrere Familien und sogar einen Gebetsraum. Und, ihr habt es erraten, immer noch keine Photos erlaubt.
Wir werden um das Feuer des Hauses dazu eingeladen, traditionelles Brot zu essen und Tee zu trinken. Ganz genau Buttertee, eine hiesige Spezialität. Weiter geht es mit Wasser mit wildem Safran und der Zurschaustellung aller Gewürze und Produkte, die in den Bergen eingesammelt wurden. 

Und schon geht es wieder zurück nach Lijiang. Wir treffen unseren Kumpel wieder, um Gegrilltes zu essen und seinen Geburtstag zu feiern. Er gibt uns dann eine Art Nuss zum Kauen, die eine leicht stimulierende Wirkung hat und den Mund etwas betäubt. Das nennt sich Betelnuss und ist in Südasien äußerst verbreitet. Und anscheinend auch in China.  

Zurück im Hotel, wurden wir hochgestuft. Jetzt ist unser Bett rund. So abenteurlich und pompös das klingen mag, in der Praxis ist das alles anderes als, äh, praktisch. 

Unsere letzte Nacht dieser Reise verbringen wir zurück in Kunming. Das Hotel ist ein altes Gebäude mitten im Zentrum. Und auch eine Touristenattraktion, vor der sich alle ablichten lassen und uns überrascht anschauen, wenn wir ihnen aus dem Fenster zuwinken. 

Wir gehen in Kunming spazieren und stoßen auf eine riesige Zone mit Ständen und Läden. Selbst nach einer Stunde zu Fuß mehr oder weniger in die selbe Richtung sind wir immer noch nicht am Ende angekommen. 

Kunming wird auch die Stadt des ewigen Frühlings genannt, wegen ihres milden Klimas. Sie ist auch die Blumenhauptstadt Chinas, da diese besser im Frühling wachsen und man findet deshalb hier auch den größten Blumenmarkt ganz Asiens.

Aber für uns geht es schon wieder zurück nach Chiang Mai, wo das Klima eher heiß statt mild ist. Und regnerisch, da gerade auch Regenzeit ist. 

Und ihr? Seid ihr fertig mit schrubben? Alles sauber? Lasst mich mal schauen. Okay, fürs Erste gar nicht mal so schlecht, ich schließe euch die Tür wieder auf. Also, bis bald.

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