Namdaemun Market! Ein riesiges Areal, außen so wie unterirdisch (wie so vieles hier in Unter-Seoul). Wir haben die Stände und Läden nicht gezählt, aber laut Google sind es mehr als 10'000. Jeden Tag 24 Stunden geöffnet.
Wir nehmen die Autobahn zurück nach Hause, zu Fuß.
Hier werden anscheinend gerne alte, heruntergekommene Straßen in Fußweg umfunktioniert. Ein bisschen weiter wurde ein alter Autotunnel in einen Bach mit Promenade geändert, eine Etage unter den Hauptadern der Stadt.
Wir nutzen das schöne Wetter, um uns im Kriegsgedenkmuseum unweit unserer Herberge zu verkriechen. Drinnen ist kälter als draußen. Tolle Idee.
Anna entdeckt ein Nagelstudio im internationalen Viertel Itaewon und kann nicht widerstehen. Wir versuchen, uns so gut es geht verständig zu machen. Eine andere Kundin wird aus ihrem Stuhl gescheucht um uns auf Englisch weiter zu helfen. Sie kann sich bald wieder hinsetzen, jemand hat eine Handy-App mit automatischer Übersetzung dabei.
Während sich Anna ihre Nägel bemalen lässt, rastet mein Handy aus und vibriert wild um sich. Hinzu kommt der Blitz, der hirnlos hin- und herblinkt.
Auf meinem Bildschirm blinkt eine "Notfallmeldung" mit koreanischem Text drunter. Das ist keine einfache SMS, sondern ein Fenster, das sich über alles andere legt und alles unterbricht, was man gerade macht (in meinem Fall: Candy Crush!).
Ich frage die Nagelkünstlerin, was das ganze denn soll und sie erklärt mir, dass morgen alle Menschen in Seoul eine Maske tragen müssen. Ich frage sie, ob eine Maske vom Joker oder vom Batman mir besser stehen würde, aber hier geht es anscheinend nicht um Fasching (pardon, Karneval).
Und auf geht die Reise. Bis später, Seoul, hallo Koreas Hochgeschwindigkeitszüge und guten Morgen Gangneun, was nichts mit Gangnam zu tun hat, falls ihr euch fragen solltet.
Ein dichter Nebel blockiert uns die Sicht aus dem Zug und wir haben den Eindruck, durch eine Wolke zu fliegen.
Schaffner gibt es hier wie wir es kennen anscheinend nicht. Nur nach jedem Halt läuft jemand durch die Waggons und kontrolliert, nehme ich an, ob jemand auf einem Sitz sitzt der eigentlich leer sein sollte.
Korea ist ein sehr bergiges Land, was in einem Zug zu vielen Tunneldurchfahrten führt. Nein, wir haben immer noch nicht gezählt.
In Gangneun angekommen begrüßt uns Will, der Chef der Herberge, in der wir die nächsten vier Wochen arbeiten werden, und gibt uns eine kurze Führung. Er zeigt uns unser Zimmer auf dem Dach, wo wir ganz traditionell auf einem Futon auf dem Fußboden schlafen werden. Aber wir können auch in den Zimmern der Herberge schlafen, wenn die gerade nicht belegt sind, wird uns gesagt.
Am Ende der Tour begrüßt uns ein Koreaner und sagt: "I am young." ("Ich bin jung." Anm. d. Ü.)
"Ähm ja, das ist ja schon schön. Wir sind auch nicht wirklich alt, weißt du? Also, wir fühlen uns nicht alt, ich kann noch meine glatzenden Stellen mit den Haaren die ich noch habe verstecken und dank meiner superblonden Haarfarbe habe ich keine Ahnung, ob ich graue Haare habe oder nicht. In der Tat, rumspringen wie früher läuft nicht mehr so gut und ich fange an, Dinge zu vergessen und sinnlos vor mich her zu faseln. Ach je, ich werde wirklich alt. Das ist nicht nett, so etwas mit Leuten zu machen, die man kaum kennt, weißt du!"
"No, no, my name is Young. Nice to meet you." ("Nein, ich heiße Young. Freut mich, euch kennenzulernen." Anm. d. Ü.)
Ich schaue mich im Raum um: "Who is you?" ("Wer ist denn You, jetzt?") und verspüre Annas Ellenbogenspitze zwischen der 5. und 6. Rippe.
"What?" ("Hättest du die Güte, die hübschen Wörter, die gerade aus deinem Kauorgan flossen auf ein Neues zu wiederholen? Ich glaube unglücklicherweise nicht ganz ihren Sinn vernommen zu haen." Anm. d. Ü.)
"What?" "Hättest du die Güte--" nun, ich denke ihr habt's verstanden Anm. d. f. Ü. (das f steht für faul, natürlich (und klein, da muss man eine Taste weniger drücken)).
Wir beenden die Führung mit einem Blick in die vier Zimmer mit einer Kapazität von maximal 15 Gästen. Easy!
Unsere Chefin, Yihan, schlägt uns vor, uns am Strand abzusetzen. Dort angekommen fällt uns auf, dass es im Sommer doch schöner ist, wenn der Wind wärmer ist. Wir gehen zu Fuß zurück um die Gegend besser kennenzulernen und mit einem kurzen Einkaufsabstecher sind wir nur zwei Stunden später wieder zu Hause.
Um uns auch offiziell willkommen zu heißen, lädt uns Yihan zum Jokbal Essen ein.
Kurze Koreanischkunde: jok heisst Fuß. Bal heißt Fuß. Haben wir also Fußfüße gegessen?
Wenn man in ein Wörterbuch schaut, dann wird dort Jokbal als gekochte Schweinsfüsse erklärt. Dies ist keine Umschreibung wie zum Beispiel "Ameisen im Baum" die man in chinesischen Restaurants in Europa finden kann und wo man ausgelacht wird, wenn man fragt, ob dort tatsächlich Ameisen drin sind. Das ist mir natürlich noch nie passiert.
Es handelt sich hier einfach um gekochte Schweinsfüsse. Da ich bereits die angelsächsische Küche probiert, und erlitten, habe, macht mir ernährungsmässig nichts mehr Angst. (Ich habe natürlich andere Ängste, wie zum Beispiel vor Dekokissen. Ich bin da wie jeder andere Typ den ihr auf der Straße trefft und mit einem mit "Ich [Herz] dich" aus scharfen Pailletten besticktem Kissen attackiert. Hm? Was? Ich fasel schon wieder? Und mein Fuß in deinem Hintern, wie wär's damit?)
Das ist nicht so eklig wie es sich anhört, es schmeckt sogar tatsächlich verdächtig ähnlich wie Eisbein (mit Sauerkraut und Kartoffeln!).
Wir lernen, wie man Fleischstückchen in Salat- oder Nesselblättern zusammen mit allen möglichen Sachen einrollt bevor man das Ganze isst. Ich habe es mit einer rohen Chilischote versucht. Ich rate davon ab.
Am nächsten Morgen geht es zeitig aus dem Bett um zu lernen, wie das Frühstück für die Gäste gemacht wird. Wir lernen auch, wie man "Das Frühstück ist fertig" (Josik nawaseumnida) und "Guten Appetit" (Masshikké teusèyo) sagt. Ich hatte einen Buchstaben falsch verstanden und einem Mann mittleren Alters gewünscht, dass er es mir köstlich geben soll. Ja, er hat genau so geschaut wie ihr auch gerade.
Die Ankunft eines Sturms lässt mein Telefon erneut erzittern. Ich frage Young (der, wie sich herausgestellt hat, gar nicht so viel jünger als wir ist) und er erklärt mir, dass man sich vom Strand heute Nacht fern halten soll. Also keine romantischen Spazierritte auf dem Pferd zwischen frisurzerstörenden Böen und erfrischenden Tsunamis heute Nacht.
Uns wird gezeigt, wie die Zimmer gereinigt werden. Erinnert ihr euch an die Leute in einem Einkaufszentrum in Seoul, die den Teppich mit Fusselrollern sauber machten? Nein? Schaut ihr nur unsere Bilder an oder wie?
Jedenfalls beneide ich diese Leute jetzt. Hier haben wir eine Art Schaber, mit dem wir Haare und Krümel von Weiss-Gott-was auf dem Teppich hin- und herschieben, in der Hoffnung, dass ein paar davon von der Kante fallen und mit einem Besen aufgesammelt werden können.
Yihan lädt uns zum Essen machen ein. Unsere Aufgabe: kleine Stücken von einem superklebrigem Teig abzutrennen und in kochendes Wasser zu werfen. Kurz vor einer Sehnenscheidenentzündung schaffe ich es, mich vom ersten Stück zu trennen. Aber in der Suppe schmeckt es dann sehr lecker.
Zumindest für mich. Anna ist nicht all zu großer Fan von Anchovies, die die Basis der Suppe machen.
Young nimmt uns mit auf den traditionellen Markt von Gangneun, wo wir noch mehr Sachen entdecken, die Anna anwidern. Neben einer kompletten Kuhleber erklärt uns Young, dass die ältere Generation sie roh isst. Young kauft gefüllten Tintenfisch und zeigt Anna alle Oktopusse und Kraken, die er finden kann.
Um uns zu erholen, schauen wir einen englischen Film im Kino. Mit koreanischen Untertiteln, um uns das Verständnis zu erleichtern. Young bringt uns bis zum Saal, damit wir uns nicht verlaufen. Hier gibt es ebenfalls keine Ticketkontrolle.
Wir nehmen einen Luxusbus mit Sitzreihen die nur drei Sitze, quatsch, echte Sessel, haben, bis nach Sokcho, eine Stunde gen Norden von Gangneung entfernt. Kaum habe ich Anna gezeigt, dass die Sitze verstellbar sind, schläft sie direkt ein und sieht keine einzige Krabbe auf dem Weg.
Wir essen in einem kleinen Restaurant mit sehr netten Leuten, die uns mit Händen und Füssen erklären, dass wir eine kleine Bootstour zu einem Fischerdorf machen sollen.
In der Herberge angekommen werden wir herzlich vom Chef empfangen, der sehr erstaunt ist, dass wir in Gangneung wohnen. Er schafft es sogar, unsere Pläne zu ändern. Eigentlich wollten wir die entmilitarisierte Zone an der Grenze zu Nordkorea besuchen, aber es gibt hier noch viele andere interessante Sachen zu sehen.
Wir fangen mit einem kleinen Spaziergang von 15 km um einen See und in der Stadt an, um uns nicht zu sehr zu verausgaben. Morgen geht es schließlich weiter.
Die Stadt, wie anscheinend überall in Korea, ist in der Nacht hell mit Neonröhren erleuchtet. Wir gehen an zahlreichen Restaurants vorbei, die vor allen Krabben servieren und wo es vor Menschenleere nur so wimmelt. Anscheinend auch auf dem Land gehen die Leute weniger auf die Straße (Sokcho hat schließlich nur 100'000 Einwohner).
Ich habe auf jeden Fall noch nie so viele Werbekrabben gesehen. Und damit meine ich nicht Abzocke am Telefon, sondern Statuen in Krabbenform. Manche sind bis zu zwei Etagen groß.
Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Bus in den Seoraksan-Nationalpark. Wir steigen Ulsanbawi hinauf. Fast 900 Höhenmeter sind zu bewältigen. Umgerechnet in Treppenstufen, wie viel macht das denn? Laut dem Chef der Herberge sind dort etwas 800 zu meistern. Das macht ganz schön große Stufen, oder?
Tatsächlich haben wir ein paar mehr gezählt: 2243, um genau zu sein.
Oben angekommen, sind wir die einzigen Ausländer, wenn man von dem englischsprachigen kanadischen Paar absieht, denen Anna eine andere Bergspitze zeigt und ihnen sagt, dass sie wie ein Schwein aussieht.
Wir gehen die so hart erkämpften 2000 und ein paar zerquetschte Stufen wieder hinab und stoßen auf ein Schild, dass uns die Legende Ulsanbawis erklärt:
Ulsanbawi heisst: Felsen von Ulsan. Ulsan ist eine Stadt im Süden des Landes. Alle Felsen der Welt wurden dazu aufgerufen, die 12'000 Spitzen in einem anderen Nationalpark zu errichten. Ulsanbawi wollte auch mitmachen, musste sich aber unterwegs ausruhen. Als er am nächsten Tag ankommt, sagt man ihm, dass alle schon da sind und er nicht mehr gebraucht wird. Zu beschämt, wieder nach Hause zurückzukehren und erklären zu müssen, dass er den Termin verpasst hat, wird er im Seoraksan-Park sesshaft. Dies ist die traurigste geologische Geschichte, die ihr heute zu hören bekommt.
Wir fahren zurück nach Sokcho, um eine prähistorische Stätte zu besuchen. Auf dem Weg dorthin stoßen wir auf ein Schild an einem Restaurant "No Chinese... I'm sorry." (Keine Chinesen... Entschuldigung). Charmant.
Ein anderer Luxusbus fährt uns wieder zurück. Dort ist so viel Platz zwischen den Sitzreihen, dass Anna mit ihren Füßen nicht bis zur Fußablage reicht.
Wenn man die Nachrichten verfolgt, hat man alles, was man für einen schlechten Film braucht: Ein Virus, der alle in Panik verfallen lässt, leergekaufte Läden und keine Gesichtsmasken mehr. Eine Verschwörung ist auch dabei: eine einzige sture Frau, Teil einer Sekte, hat sich geweigert, sich trotz Symptomen einquarantänieren zu lassen und einen Schneeballeffekt verursacht.
Okay, kein Film, den ich persönlich schauen würde, aber blöd genug für eine Netflix-Serie.
Aber etwas ernsthafter: hier ein paar Tipps von Experten zur Krise, die ich zufällig auf Instagram finden konnte: nur ein leichtes Make-up auftragen und dafür umso mehr die Augen akzentuieren. Den Rest des Gesichtes sieht man eh nicht.
Young und sein aus Seoul geflüchteter Kumpel (seine Firma hat für zwei Wochen zu gemacht, in der Hoffnung, dass sich der Sturm bis dahin gelegt hat), nehmen uns zum Bowling und Tischtennis mit. Youngs Kumpel, stolze 30 Lenze, spricht zum ersten Mal in seinem Leben mit Ausländern und ist darüber so erfreut, dass er uns zu unserem ersten koreanischen Barbecue einlädt. Ich lasse die Bilder für sich sprechen:
Sie bringen uns im Taxi zurück zur Herberge, wo wir auf unsere andere Kollegin, Hailey stoßen, die gerade den Tisch mit selbstgeleerten Bierflaschen zu füllen versuchen. Wir stoßen dazu und essen getrockneten Fisch und Süßkartoffeln als Snacks.
Wir quatschen viel auf Korenglisch.
Was braucht es eigentlich, um einen Koreaner zum quatschen zu bringen? Na, das gleiche wie überall: Alkohol!
Alkohol schreibt sich übrigens 술 und spricht sich sul aus, was ihm französischen "besoffen" heisst.
Am Morgen nach dem grossen Besäufnis (wir waren nicht die Einzigen, die am trinken waren), fragt uns eine Kundin nach einer "Verdauungshilfe". Was gegen Kater, oder wat? Wir geben ihr ein Renni und sie verschwindet zurück in ihr Zimmer den Check-Out bis 13 Uhr komplett ausnutzend.
Also dann, Prost und bis bald!
Jetzt geht es auch direkt und ohne Umschweife weiter mit unserem Echterfunden.
Hier noch einmal die Regeln zur Erinnerung: Unter den drei folgenden Vorschlägen muss man die echten von den erfundenen trennen.
Die Lösung findet ihr ganz unten nach den Bildern. Viel Spaß damit.
Wer schummelt muss einen Altar in Angela Merkels Ehren errichten und sich vor jedem Toilettengang davor verbeugen. Anm. d. R.
1 : Es gibt hier kein Erdgeschoss. Wenn man unten ist, ist man in der ersten Etage.
2 : Die Koreaner sind in den öffentlichen Transporten äußerst laut, im Gegensatz zu den Japanern.
3 : Besoffen sein in der Öffentlichkeit wird nicht als schlecht angesehen, solange man sich nicht aufführt. Seinen Rausch auf der Straße ausschlafen ist völlig akzeptabel.
Und hier die Antwort auf das Echterfunden: Richtig, Nummer 2 ist Quatsch. In den Bussen und Bahnen ist es so ruhig, dass man sich öfter mal umdreht um sich zu vergewissern, dass die anderen Passagiere noch da und am Leben sind.
































































































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