Ich bin die Dunkelheit, ich bin die Nacht

Stadt der Finsternis.
Der Tag hat sich verabschiedet und hinterlässt die ewige Nacht, kalt und düster.
Wir geben die Hoffnung nicht auf.
[Ich bin Batman]

Ja schönen guten Tag und guten Abend mit diesen freudigen Worten. Ein neues Jahr, ein neues Abenteuer, ein neues Land, ein neuer Artikel. "Schon?" höre ich euch ausrufen? Genau, mit dem neuen Jahr kommen auch neue Vorsätze, die ich mit Vergnügen nicht einhalten werde.

Fangen wir also mit dem Anfang an. Ich nehme den Bus von Halle nach Brüssel, wo Anna für einen baldigen Abflug auf mich wartet.
Für alle, die noch nie das Vergnügen hatten, ein solches Fortbewegungsmittel zu nutzen, ihr wisst nicht, was ihr verpasst.
In Langstreckenbussen herrscht eine Verbundenheit zwischen den Passagieren, die es in anderen Transportmitteln einfach nicht gibt. Als ich mich zu meinem Nachbarn drehe, lächelt dieser, verdreht die Augen gen beteppichter Decke und schnauft. Ich antworte in der gleichen Art und Weise. Während einer kurzen Pause in der Kälte wiederhole ich die Übung mit einem anderen Folterfreund. Man versteht sich ohne Worte. Wir sind eh alle viel zu fertig, um die Muskeln, die zum ausstoßen kohärenter Wörter und Sätze nötig wären, zu bewegen.
Wenn euch das Lust auf mehr gemacht hat, ich bin gerade dabei, ohne Werbung machen zu wollen, eine Sammlung romantischer Schriftstücke zum Thema Fernbus zusammenzustellen. Diese genießt man am Besten in der Themenumgebung selbst. Und das Papier ist speziell dafür beschichtet, menschlichem Speichel zu widerstehen, sollte man es tatsächlich schaffen, einzuschlafen, trotz aller sich dem entgegen setzenden Umstände.

In Mouscron angekommen ziehen wir Bilanz unseres Reisendenlebens und kommen zu dem Schluss: überall, wo wir hinfahren, ist der Teufel los.
Wir sind nach Neuseeland geflogen, wo Brücken am helllichten Tag verschwinden und ein Typ drei tausend Kilometer Meer überquert, um auf Leute zu schießen.
Wir sind nach Hong Kong gereist, dass sich gerade in massiven Demonstrationen befand.
Jedes Mal, wenn wir nach Belgien gehen, haben die dort gerade ihre Regierung in der anderen Hose vergessen.
Jedes Mal, wenn ich in Deutschland bin, bleiben Leute einfach an der Ampel stehen.
Unser nächstes Reiseziel ist China, wo die wieder auferstandenden Abgelebten frei durch die Straßen laufen.
Australien ist übrigens auch auf der Liste, wenn es den Kontinent denn bis dahin noch gibt.

Wir beschließen schließlich, unsere Tickets zu stornieren, unser Hotel in Peking zurückzahlen zu lassen und ohne Zwischenstopp nach Korea zu fliegen. Wir feiern trotzdem Annas Nichtgeburtstag und unseren verlegten Abflug.




Am Morgen des tatsächlichen Abflugs fängt das große Aufgebehren in meinem Magen an und ich verbringe den schlimmsten Flug meines Lebens bis dahin. Und dann, in Dubai, nach einer kurzen Runde einer halben Stunde im Bus über die Pisten des Flughafens, nehmen wir ein Flugzeug mit zwei Etagen und ich verbringe den schlimmsten Flug meines Lebens. (Zwei Tage später geht es mir dann auch endlich besser. Annas Kommentar: man merkt, dass du keine Frau bist. In der Tat. Und ich will es auch nicht werden, wenn das immer so abläuft (wenn euch das beruhigen kann).)






Am Flughafen in Seoul muss man angeben, ob man in den letzten zwei Wochen krank war. Ja, waren wir, und so geht es durch eine zweite Kontrolle, wo unsere Temperatur gemessen wird und wir einen Zettel in die Hand gedrückt bekommen mit einer Nummer, die wir bei Beschwerden in den nächsten zwei Wochen anrufen sollen.
Die nehmen die Epidemie aber ganz schön auf die leichte Schulter, findet ihr? Tatsächlich hat das nicht einmal etwas mit dem akutellen, chinesischen Coronavirus zu tun, sondern mit der MERS-Epidemie die vor ein paar Jahren im nahen Osten krassiert hat. Jeder, der dort langkommt wird gefragt, ob er dort Kamele angefasst hat.

Endlich durch die Quarantäne, Immigration und Zoll durch, wechseln wir ein bisschen Geld ein und erhalten die bescheidene Summe von 126'000 KRW, koreanischen Won, zurück.

Hier sind alle Millionäre.
Und was kann man so mit diesen ganzen Nullen kaufen? Kippen, zum Beispiel, kosten hier 4000 Won. Oder fast genau drei Euro, eine unerhebliche Verbesserung im Vergleich zu Neuseeland (wo die Schachtel 18 Euro kostete, ihr erinnert euch?)

In der Nähe unserer Herberge mache ich mich direkt zum Affen vor einer automatischen Tür die nicht aufgehen will. Die Dame auf der anderen Seite drückt schließlich auf einen Knopf und lacht als sie an uns vorbeigeht.

Dem Jetlag sei Dank wachen wir am Morgen um drei auf und können einfach nicht mehr einschlafen. Zum Glück kann man Bananen, im Zweierpack zum Verkauf stehend, auch mitten in der Nacht einkaufen.
Nach dem Frühstück machen wir ein kurzes Nickerchen. Dauer: 8 Stunden. Es ist schon wieder dunkel und Schneeregen fällt vom Himmel. Wir machen uns dennoch auf, die Umgebung zu entdecken. Da es mir inzwischen etwas besser geht, gehen wir Gimbap, eine Art koreanisches Sushi, essen. Dazu gibt es... eine sauscharfe suppe.




Meine Eingeweiden brennen. Zum Glück sind es draußen minus 10 Grad um die Sache zu beruhigen.

Am nächsten Tag wachen wir um 2:30 auf. Morgens. Ein erneutes Mittagschläfchen, diesmal aber mit Wecker, und wir werden um 14 Uhr aus dem Schlaf gerissen als ob es 5 Uhr morgens wäre.
Wir sind völlig neben der Spur. So schwierig war das damals in NZ aber nicht. Wir leben während der Nacht und schlafen am Tag. Es ist, als ob ich wieder 16 wäre. Ohne Computerspiele, leider.

Die Automaten in der Metro machen einem mächtig Druck beim Ticketkauf. Eine Uhr zählt dreißig Sekunden ab, sobald man am Bezahlbildschirm angekommen ist. Nach dem 4. Versuch haben wir dann auch endlich unsere Tickets. Jetzt müssen wir nur noch auf dem Bahnsteig ankommen. Der Weg bis dorthin erweist sich als ungefähr so lang wie das Laufen zum Gate am Flughafen. Wir fragen uns zwischendurch sogar, ob dort wirklich Bahnen fahren oder ob einfach Fußgängertunnel überall in der Stadt gegraben wurden.
Auf dem Rückweg muss man aufpassen, welchen Ausgang man nimmt. Wir haben die Wahl zwischen 15 verschiedenen. Wir nehmen logischerweise den falschen und finden uns mitten in Pyöngyang, im anderen Korea, wieder.

Für Annas Geburtstag lade ich sie in ein super Restaurant ein. Die Dame dort versucht uns davon abzuhalten, Gerichte mit rohem Fleisch zu nehmen, aus Angst, wir würden das nicht essen. Sie bringt uns unsere großen Schüsseln und kommt sofort wieder mit vielen kleinen. Anscheinend war es sehr offensichtlich, dass wir nicht genau wissen, womit wir überhaupt anfangen sollen, denn die Kellnerin nimmt kurzerhand Annas Schüssel und rührt die Zutaten um. Mit einem Handzeichen sagt sie mir, ich solle das gleiche machen.



Wir gehen in ein Mode-Einkaufszentrum und finden zwischen zwei Etagen voll mit überteuerter Kleidung ein Bowlingcenter und einen Baseballübungsplatz.



Da hier bald geschlossen wird, wird auch schon der Teppich geputzt. Ein gutes Dutzend Mitarbeiter nutzt Fuselroller mit Verlängerungsgriff um den Dreck aus dem Teppich wegzukleben.
Das Einkaufszentrum schließt um 22 Uhr, etwas zeitig für unsere portugiesischen Gewohnheiten. Ah, schau, ein anderes Zentrum, dass bis fünf Uhr morgens geöffnet ist. Falls man mal mitten in der Nacht ein neues T-Shirt oder ein Kabel mit Teddybärköpfen (bio!) an den Enden braucht.
Anna entdeckt die koreanischen Toiletten mit vielen Knöpfen, wie man sie aus Serien kennt. Ich selbst bin nicht schauen gegangen. Schon seit kleinauf habe ich es mir angewöhnt, einen Knoten zu machen, sobald ich außer Haus gehe.

Der Mann am Empfang unserer Herberge bestätigt uns, dass wir zur schlimmsten Zeit im Jahr gekommen sind und dass die Kälte noch etwa eine Woche andauern wird. Wir stornieren also unsere Reise ins Fake-Disneyland von Korea aufgrund der -12 Grad draußen. Und weil wir unseren Mittagsschlaf nicht verpassen durften.

Wir beschließen, einen Palast nebenan zu begutachten und Anna versucht, Reisepass in der Hand, einen Rabatt für ihren Geburtstag zu bekommen. Rabatt gibt es nicht, dafür ein Stück abgepackten Kuchen.




















Nach dem Palast spüren wir immerhin noch drei der fünf Zehen, genug, um sich im Hanok-Dorf nebenan umzusehen. Hanoks sind traditionelle koreanische Häuser, Anm. d. R. Nicht schlecht, aber wir verlieren ein paar Zehen, da wir beim Eintreten jedes Mal die Schuhe gegen Schlappen umtauschen müssen.











Wir betreten ein anderes Haus, das noch bewohnt ist, wo uns zwei doch schon betagte Menschen in ihr "privates Observatorium" hoch schicken. Bei Tee und heißer Schokolade bestaunen wir die Aussicht von dem kleinen Hügel. Diesmal keine Schlappen. Auch nicht weiter schlimm, wir haben unsere Zehen in eine Kiste für Altkarton auf der Strasse geschmissen.








Ich kaufe eine SIM-Karte im kleinen Laden gegenüber von der Herberge für stolze 50 Euro. Mir fällt auf, dass weder SMS noch Telefonie dabei sind, sondern nur unbegrenztes Internet. Ich gehe zurück in den Laden um die Karte umzutauschen, dass ganze in äußerst rudimentären Koreanisch. Das Gespräch verlief etwa so:
Ich, mit dem Finger auf das Telephonsymbol zeigend: "Gibt nicht."
Die Dame zeigt mir Kakaotalk, das koreanische Whatsapp, auf ihrem Handy: "Für Anrufe und Nachrichten nutzen wir das."
Ich zeige erneut auf das Telefon: "Brauchen."
Die Dame zeigt mir also eine Telefonkarte, mit der man international anrufen kann. Hierfür braucht man nicht mal ein Handy, das nutzt man noch in den Telefonkabinen wie damals, als diese Kabinen mehr waren als nur exhibitionistische Toiletten für Kerle, die gerade aus der Bar rausgeschmissen wurden.
Ich bestehen drauf: "SIM-Karte".
Ich zeige auf eine andere Karte.
Die Dame: "Das? Das geht nur mit koreanischen Telefonen."
Ich zeige ihr mein Handy und zucke mit den Schultern. Chinesische Handys gehen also anscheinend nicht.
Die Dame lächelt: "Ich kann das sonst auch zurück erstatten."

Um diesen Artikel mit Schmackes zu beenden, werden wir ein kleines Spiel spielen. Unter den drei folgenden Vorschlägen muss man die echten von den erfundenen trennen. Da dies der erste Artikel zu Korea ist, fangen wir leicht an.
Die Lösung findet ihr ganz unten nach den Bildern. Viel Spaß damit.
Wer schummelt muss den nächsten Artikel auf Französisch lesen.

1: Der Legende zufolge wurde Korea wie folgt gegründet: Ein Bär hat Knoblauch gegessen und wird in eine menschliche Frau verwandelt. Ohne Ehemann wird sie depressiv. Ein göttlicher König ist so von ihren Gebeten berührt, dass er sie schließlich heiratet. Ihr Sohn wurde so geboren und gründete die koreanische Nation.
2: Ein Koreaner trinkt im Schnitt 12,3 Liter Alkohol im Jahr, oder , so unglaublich das auch erscheinen mag, einen halben Liter mehr als die Deutschen.
3: Ehebruch wurde 2015 legalisiert.

Viel Glück und bis bald!





































































Lösung zum Echterfunden: Stimmt ganz genau, alle drei Vorschläge von heute waren Fakten und nicht Fiktion.
Danke fürs Mitmachen.

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