Es war einmal, drei Vietnamnesinnen, die einen Unfall hatten

Meine Damen und Herren und solche, die es einmal werden wollen,

Herzlich Willkommen zum letzten in Neuseeland herausgegebenen Blogeintrag. Unsere Reise nähert sich dem Ende und es ist bald ein Jahr her, dass ihr das Glück und die Ruhe unsere Abwesenheit genießen konntet.

Als wir von den tropischen Inseln zurück ins feucht-nasse ChCh (kein Wort aus der Schwyz, sondern: ChCh = Christchurch) einkehren, haben wir auch direkt eine neue Masche gefunden: Arbeiten mit Unterkunft als Bezahlung in einem Hostel im Stadtzentrum. Nach einem kurzen Vorstellungsgespräch (wo tatsächlich auch nur vorgestellt wurde) fragt uns die Besitzerin, ob wir eine Unterkunft für den Abend haben. Wir machen traurige Hundeaugen und sie lässt uns in unser neues Heim:



Keine Angst, das Öl wurde erst vor kurzem gewechselt.







Der Großteil der Hostelbewohner sind für mehrere Wochen, oft auch für mehrere Monate hier. Und etwa die Hälfte spricht auch noch Französisch.
Mit Anna geht es auf eine Runde Zeitarbeitsagenturen abklappern. In einer auf Industriearbeit spezialisierten Agentur wird uns ein (auf jeden Fall sauber gedrehtes, aber) schauriges Video zum Thema Arbeitsunfälle gezeigt. Bilder von durch Gabelstapler aufgespiessten Menschen, von Nägeln in Augen und von einem Typen, der in einem Säurefass abqualmt, lassen in uns Zweifel wachsen, ob wir wirklich gerade Arbeit brauchen.
Die Agentur ruft mich zwei Tage später an. Ich soll ins Büro kommen und ... Pipi in eine Tasse machen.
Nachdem man sich vergewissern hat, dass mein Pipi die richtige Farbe hat, um Club-Mitglied zu werden, wird mir ein Arbeitsangebot gemacht: Hähnchenentbeiner.


Es freut mich, dass meine Bitte, mit Tieren arbeiten zu dürfen, zur Kenntnis genommen wurde. Mit einer Mitbewohnerin finde ich mich zum Einweihungstag in einer Hühnchenfabrik. Meine Mitbewohnerin, Marion, wird meine Kollegin für nur wenige Minuten, bevor sie wegen rhinosituierter Ferrophilie rausgeworfen wird (die hatte 'n Piercing inner Nase).
Ich verbringe also meine Tage in einem riesigen Kühlschrank, wo es allen von der Nase tropft (mich eingeschlossen) und wo ich ausgenommene und gefederte Hähnchenkadaver zurechtschneide. Ich habe etwa fünf Kilo Schutzkleidung an und auf mir. Mein Gehörschutz ist so effizient, dass man mir Anweisungen sechs Mal geben muss, bevor man verzweifelt und jemand anderen fragt.
Mit meinem Gürtel, in dem sich zwei Messer und ein Wichser befinden, fühle ich mich wie ein Sheriff im wilden Westen (und das, obwohl wir uns im zahmen Osten befinden). Ja, ein Wichser (zweifellos ein Fachbegriff), um Messer zu schärfen. Sucht das besser nicht auf Google.
Nachdem ich ein paar Tage lang in einer ruhigen Ecke geschult wurde, schickt man mich ans Fließband, wo Menschen mit gut gewichsten Messern hektische Bewegungen nicht fern von meinen eigenen hektischen Bewegungen ausführen. Alle 15 Minuten wird die Position gewechselt und ich bin lieber weit abseits der anderen Samurais. Meine Aufgabe hier ist es, die ausgeweideten Hähnchen auf dem Fließband aufzuspiessen. Wo geht der Spiess denn rein? fragt ihr euch? Nun ja, also, gut, ein Huhn hat jetzt nicht all zu viele Löcher aus denen man wählen kann.
Mir reicht es danach immer noch nicht und ich mache ein paar Überstunden in einer anderen Abteilung, wo gesauc-- gesoß-- gesohste-- wo in Sauce getränkte Hühnchenteile für KFC abgepackt werden. Hier hat man am meisten Spaß. Regelmäßig kann man sogar in scharfer Sauce duschen, wenn die Fleischstückchen eine große Rutsche runterrutschen.
Es ist trotzdem alles nicht so schlimm, wie es sich vielleicht anhört. Immerhin sind die Hähnchen schon tot und man muss sich dementsprechend nicht ihre, vor Fadesse euthanasierenden Lebensgeschichten anhören.
Die tägliche Stimmung kommt zum Höhepunkt, wenn einer der Vorsteher ein paar Leute, die gerade eine Maschine mit Brust (Hühner-, versteht sich) füllen, anschreit: "Ihr seid Schnecken!"
Meine Erfahrung in der Fabrik bleibt ein kurzes Vergnügen, wir finden andere Arbeit an einem ruhigeren Ort. Aber ich kann jetzt eine neue Fähigkeit auf die (lange) Liste meiner Superkräfte setzen: Ein ganzes Hühnchen in 90 Sekunden komplett zu entgräten.

Wir machen das meiste daraus, dass wir mal wieder in einer Stadt sind: Wir gehen Boulder mit unseren Klassen- äh Hostelkameraden, wir melden uns in der Bibliothek an (diesmal ganz ohne Diskrimination), wir zahlen Eintritt bei einer Art Show, die sich als eine serordentliche Stellung entpuppt (das Geld für die 'aus' hat offensichtlich nicht mehr gereicht), wir spielen Mini-Golf und gehen auf einem Spielplatz (dem größten in der südlichen Hemisphäre, wenn man den Schildern Glauben schenken mag) wo es zu fortgeschrittener Stunde von Erwachsenen wimmelt, wir gehen ins Antarctic Centre, wo wir in einem simulierten Eissturm geraten (als ob es nicht schon kalt genug wäre!) und wo wir eine holprige Spritztour im Hägglund unternehmen.



 







Eine andere Zeitarbeitsfirma, auf "Gastfreundlichkeit" spezialisiert, schickt uns zu einem Rugby-Match wo sich Anna beim Alkoholausschank den Hintern abfriert und ich in der Burgerbude Fritten in mich reinstopfe.
In der Zwischenzeit machen wir auch Pläne, um für die letzten zwei Monate nach Indonesien zu reisen und der Kälte und der Arbeit zu entgehen.
Mit zwei französischen Freunden, Toto und Jojo, fahren wir an einem Wochenende nach Kaikoura. Dort geht es auf eine Kayaktour im Meer mit achterbahnartigen Wellen. Wir sagen den Seehunden Hallo und machen die beiden Bars des Dorfes unsicher, wo es zu dieser Jahreszeit vor Eingeborenen wimmelt.










An einem anderen Wochenende geht es nach Hamner Springs in ein Spaßbad mit heißen und stinkenden Quellenbädern. Es geht eine Rutsche hinab, bei der man sich an Knöcheln, Hüfte, Kopf und anderen Körperteilen stößt, die nicht näher genannt werden müssen. Im Landebecken angekommen geht es direkt wieder hoch für die nächste Runde.


Endlich kommt die frohe Kunde: Wir wurden in Mount Cook zum sauber machen angeheuert. Ich beende vorzeitig meine Hühnchen-Karriere und wir werfen unsere Indonesienpläne ins kristallklare NZ-Wasser.

 


Wir kommen in Twizel unter, 45 Minuten Fahrt von Mount Cook/Aoraki entfernt. Uns wird ein Geschäftswagen gestellt und das Benzin wird auch bezahlt. Kloputzen hat schon seine Vorteile.
Unser Haus (zwei alte, zusammengeschweisste und ausgebaute Container) ist das modernste und am besten isolierteste, dass wir in Neuseeland bisher hatten. Doof nur, dass wir hier Miete zahlen müssen, was meinerseits das erste Mal seit fünf Jahren ist (danke, ich tue mir auch leid).







Am ersten Tag, im Auto mit unserer Chefin und einer weiteren Kollegin, stecken wir direkt im Pendlerverkehr fest.







Dank des starken Schneefalls in Mount Cook werden unsere Arbeitstage ab und zu stark verkürzt, weil unsere Chefin Angst hat, dass wir stecken bleiben und wir gehaust und ernährt werden müssen.





Jojo, oder Jean, wie er uns sagt zu heißen, der mit uns im Hostel in ChCh war, kommt für ein Wochenende vorbei um sich von seinem Bauernhofleben zu erholen. Wir machen uns auf zu einer Ski-Station namens Ohau. Zum Glück hat Jojo ein 16 (ein 4x4, Allrad, weischt?) weil die Kiesstrasse die hoch zum Berg führt mit einer Bachdurchfahrt beginnt, gefolgt von einer engen Straße ohne Leitplanken.
Es verläuft alles bestens, bis zum Zeitpunkt als wir zu Hause ankommen und Anna sich über Handgelenksschmerzen beklagt. Unsere Chefin schickt sie zum Arzt, zwei Autostunden entfernt, wo sie mit dem Urteil zurückkommt: es ist gebrochen, Jochen. Bandagen auf unbestimmte Zeit und krankgeschrieben für ein paar Tage.



    









An einem anderen freien Tag fahren wir zu den Clay Cliffs, Lehmklippen. Ein gekiester Feldweg führt uns dorthin, der sanft anfängt und wir uns denken, dass wir schon schlimmeres erlebt haben. Als das Lenkrad, dank der Vibrationen, fast die Decke berührt, beschließen wir, mit einer angenehmeren Geschwindigkeit weiter zu fahren: 20 km/h. Danke, Maryvonne.








 




Weiter geht es nach Oamaru, ins Steampunk HQ.
























Zufälligerweise treffen wir zufällig Marion, die gerade auf den Weg in den Süden ist, um dort mit Lämmern zu arbeiten. Neuseeland ist winzig, muss man glauben.



Ein anderes Wochenende kommt Jean erneut vorbei um Sterne und Südlichter (wie Nordlichter, nur weiter südlich) zu bestaunen.
Auf dem Weg spielen hunderte, suizidfreudige Hasen das Spiel, bei dem sie versuchen, die Straße im letzten Moment zu überqueren, ohne unter unseren Reifen zu (ver)enden.  




Auf Arbeit lernen wir jeden Tag etwas Neues. Wir haben gelernt, dass die Leute einfach unfähig sind, ihr Geschirr korrekt zu spülen (wenn sie es denn überhaupt tun), dass sie wissenschaftliche Experimente in ihren Mikrowellen durchführen, dass sie es zu eilig haben, die Spülung zu betätigen (oder dass sie offensichtlich keine Ahnung haben, wie so etwas funktioniert), dass wegwerfbare Toilettenschutzfolien anscheinend auch in Hotels genutzt werden, und so weiter und so fort.
Anna hat übrigens ein Lied zum Gästekaka geschrieben ("Ich sehe weiches Kaka, Kaka daneben, eilige Kaka..."). Ihr Album erscheint am 28. November in der FNAC und im Lidl.




Um dem ganzen zu entkommen, nehmen wir uns drei Tage Urlaub und begeben uns nach Stewart Island. Stewart Island ist die Insel im Süden von der Südinsel. Sie wurde zu spät entdeckt, sonst würde die Südinsel jetzt wahrscheinlich Mittelinsel heißen. Oder Zentrumsinsel. Die Insel, die nicht wirklich im Süden und nicht wirklich im Norden liegt. Die Parteilose.
Nach mehr als vier Stunden Fahrt hat Maryvonne genug und sie fängt mit Rülpsen an.
Als wir in Bluff ankommen wo wir am nächsten Morgen die Fähre nehmen, finden wir uns vor verschlossenen Türen unseres offensichtlich leeren Hotels. Im Regen. Im leergefegten Dorf. Wir rufen eine Nummer an und man sagt uns dass die Internetseite, wo wir gebucht haben, die Öffnungszeiten nicht geändert hat. Wir könnten in die nächste Stadt, 20 Minuten entfertn, fahren. Wir entscheiden uns, dass Maryvonne heute genug gefahren ist und Campen zum ersten Mal seit Anfang Mai. Es ist nicht kalt, aber unser Auto quietscht auf den Federn, von Wind und Wetter gebeutelt.

Am nächsten Morgen überqueren wir metertiefe Wellentäler. Wir bewundern ganz kleine Punguine im Wasser bevor wir von einer unsanten Landung auf der nächsten Welle abgelenkt werden. Trotz all dem gibt niemand den Fischen zu futtern.
Der erste Amtsakt, angekommen auf der 300 Einwohner zählenden Insel, ist es, Mutantenmuscheln zu essen, die direkt aus Tschernobyl (nach absolvierte Praktikum in Fukushima) eingeflogen wurden.
Wir machen einen kleinen Verdauungsspaziergang von 12 km durch den Wald und unter dem endlosen Regen. Wir sehen Tuis, Papageien und Ratten. Häuser, im Regenwald versteckt, am Rande des Strandes zum toten Manne. Oh, und ein alter Friedhof mitten im Wald.
Am Abend suchen wir nach dem Aussichtspunkt auf dem höchsten Berg des Dorfes, um den Sonnenuntergang zu bestaunen. Wir verlaufen uns und finden uns im Dunkeln im Wald wieder. Wir sehen nicht einmal Kiwis, die sich nur nachts hinaus wagen. Angeblich kann man sie hören, aber auch so viel Glück haben wir nicht.
In einem winzigen Boot geht es durch eine Bucht auf die Insel Ulva, die nicht bewohnt ist, wo es aber unzählige Vogelarten zu sehen gibt. Wenn man unsere Reise seit letzten Oktober zusammenfassen will, dann sind wir auf einer großen Insel gelandet, um auf eine kleinere Insel zu fahren, um schließlich auf einer ganz kleinen Insel anzukommen. Unsere Reise ist eine Matroschka-Puppe.
Wir wandern fünf Stunden auf der Insel, unter dem allgegenwärtigen Regen, bis uns das kleine Boot wieder abholt.
Wir beschließen, erneut einen kleinen Spaziergang über mehrere Kilometer zu machen und finden uns diesmal tatsächlich auf dem Aussichtsberg wieder. Doof nur, dass es heute bewölkt ist. Und Tag.
Wir gehen ins Hostel zurück und ziehen Bilanz: 17 km zu Fuß, heute.












 





















































Zurück in Bluff will unsere liebe Maryvonne nicht so richtig. Es braucht ein paar Versuche, sie zum Laufen zu zwingen und wir fahren direkt in Mark's Werkstatt in Mossburn, wo wir im Mai seinen Garten unterhalten haben (erinnert ihr euch?). Er gibt sie uns am Ende des Tages wie neu zurück. In der Zwischenzeit kommt Thomas von Te Anau vorbei um seinen Kater auszukurieren. Und um uns zu besuchen.





Frage für die Philosophie-freudigen unter euch: Wenn drei Vietnamnesinnen im Stockfinstern und mitten im Nirgendwo einen Unfall haben und niemand da ist, um ihn zu hören, macht das ein Geräusch?
Wir können euch diese Frage leider nicht beantworten, da wir direkt hinter ihnen waren, als sie ihr Auto in den Graben gesetzt haben, beim Versuch, den Eingang zu einem Bauernhof zu finden.
Ihnen ging es gut, nur war ihr Auto wahrscheinlich dazu verdammt, bis zum nächsten Morgen im Graben zu bleiben, Netzabdeckung ist hier Fehlanzeige. Wir halten ein anderes Auto an und haben Glück, ein paar nette Kerle mit Seilen und einem grossen 16 (s.o.) ziehen den Wagen raus. Kaum fünf Minuten nach dem Unfall konnten die drei auf ein Neues versuchen, den Bauernhof zu erobern.

Nur zwei Tage später versucht ein anderes Auto, mit zwei Französinnen gefüllt, unseren Geschäftswagen auf dem Weg zur Arbeit zu verkürzen. Alles gut, nur unser Stoßdämpfer ist nun tatsächlich etwas kürzer. 

Wir haben es ENDLICH geschafft, neue Adoptiveltern für Maryvonne zu finden. Ein argentinisches Paar hat sie gekauft. Am nächsten Tag bekomme ich eine Nachricht, ob das normal ist, dass Maryvonne, nachdem er sie mit Diesel vollgetankt hat, nicht mehr anspringt. Ja, völlig normal, so etwas trinkt sie nämlich nicht. Auf dem Nachhauseweg halten wir kurz bei den dreien, wo ein Mechaniker schon dabei ist, sie zu malträtieren, um die letzten Reste Diesel im Motor zu verbrennen. Und tatsächlich, oh Wunder, Maryvonne ist wiedergeboren. Anna gibt ihr ein paar letzte Streicheleinheiten und wir begeben uns zu Fuß nach Hause.

Dies ist die letzte in Neuseeland erscheinende Ausgabe. Die nächste wird eine niedrigere CO2-Bilanz haben, da sie in der Nähe von euch geschrieben wird.

Bis bald!



















 

























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