Eine Woche in ChCh: Happy belated birthday!

Nachdem wir aus einem fast zwölfstundigen Koma erwachen, müssen wir uns der harten Realität stellen: Im Flugzeug war es ein bisschen wie im Altenheim. Man bringt uns Essen und Trinken an den Platz, nimmt den Müll wieder mit und auf den Bildschirmen wird für Ablenkung und Entertainment gesorgt. Nur für die Toilette müssen wir uns notgedrungen erheben und uns selbst betätigen. Mit diesem Luxus ist jetzt Schluss, wir müssen selbst einkaufen gehen und selber unser Essen zubereiten.
Welcome to jail!

An der Rezeption fragen wir nach dem nächsten Supermarkt und haben zwei zur Auswahl: Entweder laufen wir zu Fuß 2,5 km oder wir nehmen den Bus für 4 $ pro Nase.

Die Dame am Empfang erklärt uns weiterhin, dass ChCh platt wie ein Pfannkuchen ist und ein großes Quadrat formt. Die Straßen sind alle rechtwinklig angeordnet und sich dort zu verlaufen grenzt schon an die Unmöglichkeit.
Nicht ist unmöglich, wenn man wirklich daran glaubt! Ein älterer Herr hält an, um uns zu fragen: "Are you lost?" Und ja, wir sind lost.

Auf den Fuß- und Radwegen der Stadt sieht man überall Leute auf elektrischen Tretrollern. Das Ganze nennt sich Lime und kann per App auf dem Handy genutzt werden. In den Nachrichten kann man sehen, wie die christchurcher (christchurchische?) Jugend bereits andere, kreative Einsatzmöglichkeiten für die Roller gefunden hat, indem sie Feuerwerkskörper hinten befestigen und dabei, wahrscheinlich ungewollt, kleine Feuer legen.

In Neuseeland fährt man links, was uns mehr als nur verwirrt. Beim Überqueren der Straße schauen wir stets in die falsche Richtung. Auf dem Fußweg laufen wir auch ständig fast in den ebenfalls laufenden Gegenverkehr, weil auch hier links gelaufen wird. Wir haben auch so unsere Probleme mit dem Schloss unserer Zelle, da auch hier, ihr habt es erraten, andersrum gedreht wird. Jetzt fragt ihr euch sicherlich, ob das Wasser in den Toiletten auch andersrum dreht? Ich lasse euch mal selbst nachforschen.

Die christchurchäsische Innenstadt wurde 2011 großflächig durch Erdbeben zerstort. Überall wird gebaut und anscheinend wurden alle Pylone des Landes nach ChCh verfrachtet, um sie dort mehr oder weniger sinnvoll verteilen.






Wir finden uns auf einem Platz wieder, wo Litfasssäulen als riesige Spraydosen verkleidet sind. Hier kann man Basketball und Tischtennis spielen, Bälle und Schläger liegen hierfür gratis rum. Viel erstaunlicher ist es noch, dass diese noch nicht geklaut oder zerstört wurden. Wir versuchen, etwas Ping Pong zu spielen. Mit dem allgegenwärtigen Wind hier einen Tisch im Freien aufzustellen, um ein Spiel zu spielen, bei dem man essentiell einen zwei Gramm leichten Ball gekonnt durch die Luft schießen muss, war aber leider nicht die beste Idee.




Als wir endlich den Supermarkt finden, finden wir uns in einem großen, frischen Lager wieder, wo fast alles im Großformat verkauft wird. Und, zu meiner großen Verzweiflung, gibt es keinen Aufstrich, weder käsig noch wurstig. Zum Glück gibt es aber Kartoffeln. Dem Verkaufspreis nach zu urteilen scheinen diese aus Massivgold gemacht zu sein. Die Preise der anderen Produkte sind niedriger als wir vor unserer Ankunft hier befürchtet hatten.
Mit einer schwer zu verdauenden Ausnahme: Kippen. Ohne horrende Einfuhrzölle zu zahlen, darf man 50 Zigaretten ins Land einführen. Da das nicht gerade viel ist, habe ich nach ein paar Tagen das Vergnügen, mir welche kaufen zu dürfen. Nur wo? Bis jetzt habe ich nirgends Glimmstengel zum Verkauf gesehen.
Als ich in einem kleinen Geschäft danach frage, öffnet der Verkäufer einen Stahlschrank hinter sich, gibt mir eine Liste mit etwa zehn verschiedenen Marken und ich darf mir eine aussuchen. Letztendlich nehme ich die Billigste. Für 25 $NZ. Die Schachtel, nicht die Stange, versteht sich.

Um unseren exzessiven Lebensstandard weiterhin kostengünstig unterhalten zu können und nicht bei jedem Mal Geld abheben Gebühren zahlen zu müssen, brauchen wir ein Bankkonto hier.

Eine Filiale der ANZ, einer Bank, wie ihr euch sicherlich denken könnt, befindet sich nur ein paar Schritte von unserem Gefängnis entfernt. Ein sehr netter Bankkaufmann hält ein bisschen Small Talk, bevor es ans Geschäftliche geht. Nach einer Stunde haben wir jeder ein Konto, was relativ einfach und bürokratielos von statten ging. Wir erhalten auch direkt eine VISA-Karte, auch wenn unsere Namen nicht darauf eingestanzt sind.
Die nächste Hürde, um arbeiten zu dürfen, ist die NIF. Äh, die IRD. Na, die TIN. Die Nummer für die Steuer halt. Unsere alsässischen Freunde, die wir in der Herberge kennengelernt haben und Neuseeland per Fahrrad entdecken wollen, haben sie innerhalb von 24 Stunden bekommen. Nach nur vier Tagen bangen Wartens bekommen wir unsere Nummern auch endlich per Mail zugeschickt. Sieg! Wir können also arbeiten.
Währenddessen müssen wir unseren Lebenslauf neu verfassen. Ja, wir sind so durchorganisiert, dass wir diese Etappe einfach vergessen haben. Jetzt müssen wir ihn also äußerst praktisch auf einem Tablett schreiben.
Nicht nur muss der Lebenslauf in Englisch sein (Duh!), sondern ist das Format hier auch anders und er kann auch mal mehrere Seiten umfassen, was in Frankreich oder Portugal unüblich ist. Aber keine Sorge, wir sind jetzt tatsächlich bereit, Arbeit zu finden. Weniger bereit sind wir, tatsächlich zu arbeiten, aber das ist eine andere Geschichte.

Um bei den Bankgebühren bei intermonetären (doch, ein echtes Wort. Das weiß ich, weil ich es sage. Soll heißen: zwischen verschiedenen Währungen) Überweisungen zu sparen, machen wir eine Überweisung für weniger Geld online bei einem anderen Organismus. Das Konzept der IBAN ist hier übrigens unbekannt, weshalb ich dafür stimme, das "I" in IBAN abzuschaffen.

Unser zweiter Tagesausflug zum Supermarkt, wir haben uns diesmal den Anderen vorgenommen, lehrt uns Einiges über die Kultur des Landes.
Mögt ihr die Pelle der roten Zwiebeln? Dann muss ich euch leider enttäuschen, man kann sie hier nur geschält kaufen. Dafür haben wir lila Blumenkohl gefunden, um diese Ungerechtigkeit zumindest etwas auszugleichen.




Die Dame an der Kasse, die unsere Einkäufe abpiept und fürsorglich in unseren Wagen legt, läutet eine Klingel. Was geht? Haben wir gewonnen? Sind wir der millionste Kunde? Fallen gleich Luftballons und Konfetti vom Himmel? Während ich die Decke nach Löchern untersuche, taucht eine andere Dame neben uns auf und fragt uns nach Ausweisen. Mein Reisepass passt, Annas belgischer Personalausweis nicht und schon werden unsere zwei Bierflaschen wieder eingezogen. Der Kassiererin ist das sichtlich unangenehm, entschuldigt sich und empfiehlt mir sogar, alleine in einen anderen Laden zu gehen. Diese Kontrollen müssen gemacht werden, wenn man nicht negativ in den Schlagzeilen auffallen will.
Sie erklärt uns weiterhin, dass alle Mitglieder einer Gruppe kontrolliert werden müssen, nicht nur der, der zahlt. Wenn ihr also mit fünf Kumpels Alkohol kaufen wollt und einer seinen Ausweis vergessen hat, dann fällt der Abend wohl ins Wasser.

Zum ersten Mal seitdem ich dieses Handy habe, nutze ich den zweiten SIM-Karten-Slot, damit man uns auch auf einer neuseeländischen Nummer anrufen kann. Die SIM-Karte bleibt stecken. Das Ganze funktioniert ohne weiteres, nur weiß ich nicht, wie ich die da wieder herausbekommen soll, ohne die Karte, mein Telefon, oder beides zu zerstören.

Anna antwortet auf eine Anzeige auf Facebook der Alliance Française, die Leute suchen, die mit "netten Damen" bei Kaffee und Kuchen auf Französisch plaudern wollen.
Genannte Damen sind zwischen 40 und 95 Jahre jung, kommen fast alle aus Neuseeland und wollten sich über die französische Kultur unterhalten. Reicht da auch die Belgische? Eine der "Fragen" war: "Die Europäer trinken alle ihren Kaffee mit Milch." Das "Weiss ich nicht" von Anna schien da nicht ganz zu gefallen. Sie wurde aber trotzdem zum Scrabble Nachmittag eingeladen.


Eine von Annas neuen Freundinnen, Debbie, eine neuseeländische Französischlehrerin (und keine französische Neuseeländischlehrerin) an einer Schule in ChCh, lädt uns auf eine Spritztour in die Umgebung ein.
Wir fahren durch Lyttelton, einem Hafenstädtchen, und halten am Sumner Beach (nein, kein Tippfehler), wo es Wind, Sand, Meer und Wind gibt. Ich stehe zum ersten Mal am Pazifik. Nachdem ich knapp neun Jahre am Atlantik gelebt habe, muss ich sagen, dass sich die beiden, aus der Nähe betrachtet, doch schon stark ähneln.













Nach diesem Zwischenstopp fahren wir erneut über die Berge und durch schlängelnde Straßen. Anna und ich sind froh, dass wir bald wieder halten, bevor wir für nichts mehr garantieren können. In der "French Bakery" kaufen wir Schokoladenküsse, weiche Küchlein, so lecker, dass die Schachtel kaum eine Stunde überlebt.
Der Laden bietet sonst wenig, was wir direkt mit Frankreich in Verbindung bringen würden. Es gibt, zu meiner großen Verzweiflung, nicht einmal Schokoladen-Éclairs. In einem anderen Regal stehen Wasserflaschen zum Verkauf, die mit "French Water" etikettiert sind. Ist das Anisschnaps?! Oder warum muss Wasser vom anderen Ende der Welt hier her geschifft werden?


Als wir uns von Debbie verabschieden, warnt sie uns vor einem großen Sturm am Abend. Bei uns hat es letztendlich nur geregnet, und nicht mal übertrieben viel. An der Westküste der Südinsel (wir befinden uns derzeit an der Ostküste. Eastside, baby!) haben Brücken ihr Dasein in Frage gestellt und sich von selbiger geworfen, weshalb Leute skurrilerweise in den Bergen gestrandet sind.

Gestern war es genau eine Woche her, dass wir in Neuseeland angekommen sind: Happy Belated Birthday! (Alles Gute zum Geburtstag nachträglich!)

Jetzt aber Schluss. Liebe Grüße und bis später, Peter!





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